Wer einer KI einen guten Auftrag geben will, braucht Wörter, Sätze und ein Gespür dafür, wie eine Anweisung für ein Gegenüber verständlich wird. Genau darin liegt die Chance: Prompten ist ein Sprachanlass. Kinder erleben unmittelbar, dass ein ungenauer Auftrag ein ungenaues Ergebnis bringt, und sie bekommen sofort die Rückmeldung, wenn sie präziser formulieren. Diese Seite erklärt die Idee, stellt den Prompt-Baukasten als übertragbare Methode vor und zeigt zwei erprobte Beispiele aus der Grundschule.
Worum es geht
In einem Seminar an der Europa-Universität Flensburg haben Studierende der Sonderpädagogik mit dem Schwerpunkt Sprache Unterrichtseinheiten entwickelt, in denen Zweit- und Drittklässler:innen einer KI Aufträge geben, Ergebnisse prüfen und daraus ein eigenes digitales Buch bauen. Als Inhalt diente das Sachunterrichtsthema Abfall, Mülltrennung und Upcycling. Das Thema ist bewusst gewählt, weil es anfassbar ist und klare Kategorien hat. Es ist aber nur ein Beispiel. Der Baukasten und der Wortspeicher funktionieren genauso mit Wetter, Haustieren, Ritterburgen oder Zahlen: Die Methode bleibt, der Inhalt wechselt.
Warum Prompten Sprache braucht
Ein Auftrag an eine KI fordert Kinder auf allen sprachlichen Ebenen heraus, und zwar produktiv, nicht nur verstehend:
- Wortschatz: Die Kinder müssen die passenden Fach- und Alltagsbegriffe aktiv verwenden („Verpackung“, „sortieren“, „recyceln“), statt sie nur zu erkennen. Ein sichtbarer Wortspeicher hilft dabei, Umschreibungen zu vermeiden.
- Satzbau: Aus Stichwörtern wird ein vollständiger Satz: „Erkläre mir in drei Sätzen und in einfacher Sprache, warum Abfall in verschiedene Tonnen muss.“ Wer die Bausteine in Reihe bringt, beugt Verben und setzt Wörter in die richtige Form.
- Kommunikation: Prompten ist ein Dialog. Die Kinder formulieren adressatengerecht, bewerten die Antwort und schärfen nach: „Erkläre es mir einfacher.“ „Nein, so sieht das nicht aus, mach es wie auf der Anleitung.“ Diese Selbstkorrektur ist pragmatische Kompetenz im besten Sinn.
Weil das fehlerhafte Ergebnis eines schlechten Prompts sofort sichtbar wird, erfahren die Kinder konkret, wie sprachliche Genauigkeit die Qualität ihres Auftrags bestimmt. Das ist eine Rückmeldeschleife, die kein Arbeitsblatt leisten kann.
Der Prompt-Baukasten
Damit kein Kind vor einem leeren Eingabefeld sitzt, setzen die Kinder ihren Prompt aus farbigen Wortkarten zusammen. Fünf Bausteine ergeben einen vollständigen Auftrag:
- Was? Erkläre …, Erstelle …, Vergleiche …, Nenne …
- Als was? ein Text, ein Bild, eine Tabelle, eine Anleitung
- Thema als freies Feld, zum Beispiel „Upcycling“ oder „die gelbe Tonne“
- Wie? in Stichpunkten, in einem Satz, in einfacher Sprache, mit Symbolen, im Comic-Stil
- Für wen? ein Grundschulkind, ein Kind in der 2. Klasse, eine Sechsjährige
Dazu kommen drei Hilfen: das Reparaturwerkzeug mit festen Sätzen für Rückfragen („Erkläre es mir Schritt für Schritt.“ „Gib mir ein Beispiel dafür.“ „Ändere das Format.“), eine rote Karte „Nicht vergessen: Quelle angeben“ und eine grüne Karte „Faktencheck: Ist das Ergebnis wirklich richtig?“. Die Karten gibt es als Wortkarten für die Tafel und als kleinen Fächer für jedes Kind, beides steht bei den Beispielen zum Download.
Die Wörterwand bleibt hängen
Das zweite Werkzeug ist ein Wortspeicher, der im Klassenraum sichtbar bleibt: Begriffe zum Thema, passende Verben, Satzanfänge für Vermuten, Begründen, Präsentieren und Reflektieren („Ich vermute, dass …“, „Das gehört in die … Tonne, weil …“, „Wir haben herausgefunden, dass …“, „Zuerst dachte ich …, aber jetzt weiß ich …“). In den Erprobungen kamen die Kinder immer wieder an die Wand, suchten das passende Wort und bauten es in ihren Prompt ein.
Mein Rat: Diese Wand nicht nach dem Projekttag abhängen. Sie kann über Wochen im Raum bleiben und mit jedem neuen Thema wachsen. Die Bausteine „Was, als was, Thema, wie, für wen“ bleiben gleich, nur die Themenwörter kommen dazu. So wird genaues Beschreiben und Prompten zur Routine, und Kinder, die Sprache langsamer aufbauen, haben ihre Stütze immer im Blick.
So lässt sich das übertragen
- Thema tauschen: Grüne Themenkarte neu beschriften, Wortspeicher mit den Begriffen des neuen Themas füllen. Alles andere bleibt.
- Klein anfangen: Erst einen bewusst schlechten Prompt gemeinsam analysieren („Erstelle mir ein Bild von Müll“ ergibt ein Bild, auf dem eine Banane im Eimer liegt), dann gemeinsam reparieren, dann erst selbst prompten.
- Zeit geben: Beide Teams raten zu zwei bis drei kürzeren Einheiten statt eines langen Projekttags.
- Rollen wechseln: Tablet-Bediener:in und Beisitzer:in tauschen alle 15 Minuten, damit jedes Kind selbst promptet.
- Prüfen einplanen: Kriterienbogen oder Checkliste („Stimmen die Infos? Haben wir die KI hinterfragt? Passen die Bilder?“) und Kindersuchmaschinen zum Gegenprüfen bereitlegen.
Diklusiv gedacht: So wird das Prompten für alle zugänglich
Die Studierenden haben ihre Einheiten zusätzlich an fiktiven Fallbeispielen von Kindern mit sprachlichem Unterstützungsbedarf durchdacht. Die Analysen selbst gehören in das Seminar, die daraus abgeleiteten Hilfen sind aber für jede Klasse brauchbar:
- Einsprechen und Vorlesen lassen: Prompts per Diktierfunktion formulieren, Antworten der KI und Arbeitsaufträge im Book Creator vorlesen lassen. Das entlastet das Arbeitsgedächtnis und löst das Prompten vom Schreiben.
- Baukasten lesbar machen: Jeder Baustein mit demselben Piktogramm, bei Bedarf Silbenbögen oder Silbenfärbung auf den Karten, Lesepfeil für das Erlesen. Weil die fünf Bausteine gleich bleiben, reicht bald das Wiedererkennen.
- Hilfen auch digital anbieten: Baukasten und Checkliste zusätzlich im Book Creator hinterlegen, dort lassen sich Schrift vergrößern und Texte vorlesen.
- Satzanfänge als Geländer: Redemittel für jede Sprachhandlung sichtbar machen, zuerst deutlich anbieten, später schrittweise zurücknehmen.
- Wege zum Ausdruck öffnen: Schreiben, Sprechen, Collage oder Audioaufnahme als gleichwertige Formen der Ergebnisdarstellung zulassen. Kinder mit unsicherer Aussprache können auf das Schreiben setzen, Kinder mit Schreibhürden auf das Einsprechen.
- Geschützte Gesprächsräume: Partner- und Kleingruppenarbeit mit festen Rollen, in der Kinder ohne Druck sprechen und nachfragen können.
- Lehrkraftsprache: langsamer sprechen, Blickkontakt, deutliche Aussprache, Zeit zum Überlegen lassen, eine positive Fehlerkultur beim Mülltrennen genauso wie beim Prompten.
Zwei Beispiele zum Nachmachen
Beide Einheiten sind im Frühjahrssemester 2026 an Grundschulen in Schleswig-Holstein erprobt worden, einmal mit einer Kleingruppe der 3. Klasse zur Mülltrennung, einmal mit einer ganzen 2. Klasse zum Upcycling. Die Teile unten enthalten Ablauf, Stolpersteine, Materialien und die Beobachtungen der Studierenden.
Hinweis zur Nutzung: Die Studierenden stellen Baukasten, Wortspeicher, Bildkarten, Checklisten und Verlaufspläne unter CC0 zur Verfügung, sie dürfen also ohne Namensnennung genutzt und verändert werden. Ausgenommen sind Screenshots und Fotos.